Quartalslied April bis Juni 2010
von Pfrn. Astrid Wuttge Glang

Jesus, meine Zuversicht
Ref. Gesangbuch N° 478

1. Jesus, meine Zuversicht
und mein Heiland, ist mein Leben.
Dieses weiß ich; sollt ich nicht
darum mich zufrieden geben,
was die lange Todesnacht
mir auch für Gedanken macht?

2. Jesus, er mein Heiland, lebt:
Ich werd' auch das Leben schauen,
sein, wo mein Erlöser schwebt;
Warum sollte mir denn grauen?
Lässet auch ein Haupt sein Glied,
welches es nicht nach sich zieht?

3. Was hier kranket, seufzt und fleht,
wird dort frisch und herrlich gehen;
irdisch werd' ich ausgesät,
himmlisch werd' ich auferstehen.
Alle Schwachheit, Angst und Pein
wird von mir genommen sein.

4. Seid getrost und hocherfreut:
Jesus trägt euch, seine Glieder.
Gebt nicht statt der Traurigkeit:
Sterbt ihr, Christus ruft euch wieder,
wenn einst die Posaun erklingt,
die auch durch die Gräber dringt.

5. Nur dass ihr den Geist erhebt
von den Lüsten dieser Erden
und euch dem schon jetzt ergebt,
dem ihr beigefügt wollt werden.
Schickt das Herze da hinein,
wo ihr ewig wünscht zu sein.

Eine Frau von innerer Frömmigkeit und scharfem Verstande

Der Name des Dichters Otto von Schwerin ist mit einem Fragezeichen versehen, denn das Lied wird bisweilen der niederländischen Louise Henriette Prinzessin von Nassau-Oranien Kurfürstin von Brandenburg (1627-1667) zugeschrieben. Warum sollte das Lied auch nicht aus ihrer Feder stammen? Viele Frauen widmeten sich in der damaligen Zeit der christlichen Lyrik. Und: Sie war eine der bedeutendsten Frauen der Berliner Geschichte.

Leopold von Olich, Schriftsteller und preußischer Geschichtsschreiber, hatte sie aber nur als Quelle der Inspiration genannt, während der Mann, der am Hofe des Großen Kurfürsten von Brandenburg Hofmeister war, als eigentlicher Dichter hervortritt: „ Diese herrlichen Lieder verdanken ihre Entstehung der tiefen religiösen Gesinnung der Kurstürstin Louise; es sind ihre Gesinnungen und Empfindungen, welche sie treffend auch nur der geistreichen, nicht minder fromm lebende Minister wiedergeben konnte .“ Dass nur er Worte zu finden vermag, während sie eine Frau des Gefühls ist, der die Worte fehlen, ist wenig glaubhaft und wirkt einseitig. Man kann annehmen, dass beide miteinander gesprochen und also je ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass es zu diesem Lied kommen konnte. Sie war es auch, die enge Kontakte zu Johann Crüger pflegte, dem bedeutenden Berliner Verfasser geistlicher Lieder, der auch die Melodie zu diesem Text komponiert hat.

Richard George schrieb 1899 über Louise Henriette: „ Eine Frau von innerer Frömmigkeit, wahrer Herzensgüte, echt weiblicher Sanftmut und scharfem Verstande. Ihr Rat war dem Kurfürsten bald unentbehrlich in allen Regierungsangelegenheit...“ Diese Frau mit dem scharfen Verstand hatte sehr wohl Worte, war intelligent und so klug, dass sie sogar als Beraterin angesehen wurde.

Auch ihre zielgerichtete Wirtschaftspolitik auf dem umfangreichen Landbesitz, den sie von ihrem Mann geschenkt bekam, führte zu derart guten Erfolgen, dass der Kurfürst ihr weitere Dörfer und Güter zur Bewirtschaftung übergab. Sie hatte nämlich noch Dörfer und Schenken hinzugekauft, warb niederländische Siedler an – vor allem Bauern, Gärtner und Handwerker - und etablierte Oranienburg mit Schäferei, Brauerei, Ziegelei und Molkenwirtschaft als eine Musterwirtschaft für die gesamte Mark.

Sie wird als „ eine pragmatisch denkende und handelnde politische Beraterin eingeschätzt. „Mit großem Engagement setzte sie sich für die Aussöhnung mit Polen ein und beeinflusste durch ihren Briefwechsel mit der polnischen Königin Luisa Maria den Koalitionswechsel Brandenburgs im Nordischen Krieg zugunsten Polens und damit die Anerkennung der Souveränität der Kurfürsten von Brandenburg über das Herzogtum Preußen. Wenige Fürstinnen ist soviel Einflussnahme gestattet worden.“

Louise Henriette heiratete mit 19 Jahren den Großen Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm. Sie erlitt mehrere Fehlgeburten, gebar sechs Kinder, von denen aber nur drei Söhne die Mutter überlebten und nur ein einziger den Vater, nämlich Friedrich, der spätere erste König von Preußen.

Das Trostlied ist also in einem Trauerhaus entstanden, als im Sommer 1649 ihr erstes Kind starb, kaum dass es sprechen konnte. Da war Louise Henriette 22 Jahre alt.

Als Oranierin wurde sie im reformierten Glauben erzogen. Ein Zeitgenosse schrieb über sie: „ Sie ist nicht nur einer der höchsten Zierden der Frauenwelt und des Fürstenthrones gewesen, sondern sie hat auch mit den köstlichsten geistlichen Liedern ihre heißgeliebte reformierte Kirche, wie die Evangelischen überhaupt, beschenkt.

Fünf Jahre nach dem Tod ihres ersten Kindes gebar sie einen weiteren Sohn. Diesen Tag wurde von ihr zeit ihres Lebens als Fest- und Bettag begangen. Aus Dankbarkeit über das neue Leben stiftete sie 1665 das Oranienburger Waisenhaus in Berlin, in dem 24 Kindern Obdach fanden. Ihr soziales Engagement wurde von Richard George gepriesen: „ Unermüdlich wirkte Luise Henriette überall, wo es galt, die Not zu lindern und die Wunden zu heilen, die der Krieg dem Lande geschlagen. Im besonderen Maße ist ihre Thätigkeit dem Städtchen Bötzow zugute gekommen, das ihr zu Ehren den Namen Oranienburg erhielt und in dem das Andenken Luise Henriettes bis auf den heutigen Tag als ein gesegnetes fortlebt .“ 1667 starb sie an Schwindsucht (Tuberkulose) und wurde im Berliner Dom bestattet.

Otto Freiherr von Schwerin (1616-1679), der Hofmeister der Kurfürstin war vom lutherischen Bekenntnis zum reformierten Glauben konvertiert und dichtete ebenfalls. Im Gesangbuch wird er als möglicher Autor angegeben - oder als Übersetzer. Er war Jurist, Propst, Erzkämmerer, Hofmeister, Geheimer Rat, Seelsorger der Kurfürstin und Berater des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Als Pädagoge und Erzieher der preußischen Prinzen hatte er mit seinen Zöglingen nicht nur die Bibel zu lesen und mit ihnen Gebete zu verrichten, sondern auch (Genfer) Psalmen und geistliche Lieder zu singen. Er sorgte dafür, dass die ersten Hugenotten in Brandenburg 1666 Bleibenrecht erhielten. Auf seinen Gütern in Berlin durften sich reformierte Gemeinden gründen. Er wirkte am Zustandekommen des Westfälischen Friedens von 1648 mit, mit dem der Dreißigjährigen Krieg endete.

Besinnung zum Liedtext

Todesnächte sind lang, allzu lang. Das wird nicht verschwiegen. Grübelnd, schlaflos, zerrissen und zerschlagen liegt da jemand des Nachts. Und trotzdem scheint dort Zuversicht auf. Sie hat einen Namen: Jesus – ein Licht mitten in solcher endlosen Todesnacht. Bei Louise Henrietta hatte diese Schwermut und Trauer einen konkreten Anlass: Ihr Kind starb. Alle Hoffnung schien erloschen. Einziger Halt fand sie in ihrem evangelischen Glauben. Dies hat sie mit ihrem Vertrauten, Otto Freiherr von Schwerin geteilt. Ihr Schicksal, ihre Lebenserfahrung, ihre durchlittene Krise macht den Text stark. Frömmigkeit bekommt Bodenhaftung.

Warum sollte mir denn grauen? Graut einem nicht, wenn man sich Krankheit, Leid und Tod eines Kindes vorstellt, gar miterleben muss? Ein theologischer Gedanke wird hier furchtbar gemacht: Jesus, Kind in der Krippe, Mann am Kreuz, wird zum Leidenden und Sterblichen, der den Tod überwindet. Wenn seine Gottesnähe und Liebe stärker ist als der Tod, dann ist es möglich, dass der Tod ein einziges Mal seine absolute Macht eingebüßt hat. Und dann ist die Macht des Todes nicht mehr absolut. Dann ist der Tod besiegbar. Und wenn der Tod überwindbar ist, dann wird Christus alle, die an ihn glauben, nach sich ziehen. Auferstehung ist möglich.

„Gebt nicht statt der Traurigkeit.“ Stattgeben – das ist Juristensprache. Ein Richter sagt: „Stattgegeben!“, wenn er einen Einwand gewähren lässt oder einem Widerspruch zustimmt.

Stattgeben heißt soviel wie: bewilligen, einräumen, erlauben, genehmigen, gestatten, gewähren, zustimmen.

Gebt der Traurigkeit nicht statt. Das ist eine ermutigende Aufforderung. Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen den Tod. Seit Ostern erteilen wir dem Tod eine Absage. Wir willigen nicht ein, dass er das Leben dominiert. Wir räumen ihm keine Macht ein. Wir erlauben ihm nicht, sich unserer zu bemächtigen. Wir weisen die Trauer in ihre Schranken.

Ostern ist Widerstand gegen den Tod. Wir geben der Traurigkeit nicht statt. Sondern dem Leben.

1 Komander, Gerhild H. M., Louise Henriette Prinzessin von Nassau-Oranien, Kurfürstin von Brandenburg, 2003.
2 Ebd.
3 George, Richard, Die ersten Regierungsjahres des Großen Kurfürsten. In: Ders., (Hrsg.), Hie gut Brandenburg alleweg! , Verlag von W. Pauli's Nachf., Berlin 1900, s. 378.